Dreiecksbeziehung
三角拳法
3 Intentionen 6 Beziehungen

Es gibt, meiner Meinung nach, drei durchaus verschiedene Arten der Kampfkunst: die militärische, die scholastische und die profane oder einfacher ausgedrückt: die kriegerische, die gelehrte und die bäuerliche Kampfkunst.
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Militärische Kampfkunst
Aus den kriegerischen Auseinandersetzungen und militärischen Übungen heraus entstehen seit jeher jegliche oder zumindest 99% der weltweiten Kampfkünste. Das ist eine Binsenweisheit. Das dauerhafte beschäftigte Militär bzw. das häufig eingesetzte, sowie besonders die militärische Ausbilder entwickeln zwangsläufig eine jeweils spezielle Kampfkunst, deren Grundprinzipien allerdings zeitlos und weltweit gleich bleiben. Ich rede nicht von der Evolution der Waffentechnik, sondern von Handhabung personengebundener Waffen und Techniken bei deren Verlust oder zu deren Wiedererlangung. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist der Samurai XXX, dieser erhielt im besten Falle eine Ausbildung im Umgang mit der Schwert, dem Speer/Spieß, mit Lanze, Bogen, Messer. Aber was wenn er in der Schlacht seine Waffe(n) verliert, sie ihm entrissen werden. Er verliert sein Leben, also muß er ohne Waffe weiterkämpfen können um seine Waffe(n) zurückzuholen oder dem Gegner wenigstens ein Schwert zu entreißen, sonst verliert er nicht nur sein Leben, sondern auch seine Ehre. Er benutzt, unbewaffnet, instinktiv die gleichen Techniken und Bewegungen, wie bewaffnet. Jeder Samurai, der auf dem Schlachtfeld auch nur einen Augenblick unbewaffnet war, wird diese Situation besonders ernsthaft trainieren. Der Samurai ist diesbezüglich kein geschichtlicher Sonderfall.
Aus den militaristischen Übungen, dem Drill (mit und ohne Waffen0 )wird durchaus eine persönliche Kampfkunst, besonders dann wenn der Soldat im Rang steigt und vor allem, wenn er die Funktion eines Ausbilders erfüllt.
Militärische Kampfkunst ist pragmatisch, einfach, routiniert, effizient, strategisch, aber auch spezialisiert. Sie ist absolut zielorientiert. Sie ist umso ausgefeilter, je höher der Rang bzw. ob der Soldat einer Spezialtruppe angehört oder einer zum Schutz eines Generals oder eines Fürsten.
Scholastische Kampfkunst
Unter „scholastischer‟ Kampfkunst verstehe ich eine, nicht in erster Linie kriegstaugliche, Selbstverteidigungskunst, welche in hohem oder höchsten Maße ausgefeilt, ausgeklügelt ist. Sie kommt aus der militaristischen Kampfkunst und wurde von Militärärzten/-ausbildern in die Zivilgesellschaft getragen, sei es aus Notwendigkeit oder Faible. Besonders Ärzte stachen dabei hervor. Die Kunst des Diǎnmài 點脈 〜 點穴 Kyūshojitsu 急所術 wurde von Ärzten entwickelt und verfeinert.
Die Kampfkunst von „Gelehrten/Intellektuellen‟ ist umfangreich, detailiert, nicht kriegstauglich und erfordert nicht unbedingt außergewöhnliche körperliche Fähigkeiten, meist taktisch klug angelegt, mit umfangreichem Wissen über Anatomie, Psychologie, Physik, Energiearbeit angereichert bzw. überfüllt.
Profane Kampfkunst
Die Kampfkunst der „Gewöhnlichen‟, also Bauern, Handwerker, Bettler etc. stammt ebenfalls aus dem Militär, zumindest zu großen Teilen. Auf der ganzen Welt und bis zur heutigen Zeit wird der Großteil der Streitkräfte im Kriegsfall durch normale Zivilbürger (meist männlich) gestellt (Wehrpflicht), im Mittelalter hauptsächlich Bauern und Handwerker. Diese verfügten über keinerlei kriegerische Ausbildung, sondern im Wiederholungsfalle nur über Kriegserfahrung.
Die bäuerliche Kampfkunst besteht in der Anwendung alltäglicher Bewegungen, Tätigkeiten im Kriegsfall, sowie Übernahme der daraus resultierende Erfahrungen und Erkenntnisse in den Alltag. Sie ist ebenfalls pragmatisch, unkontrollert, oft ziellos, taktisch zweifelhaft, aber ungeheurer lernfähig. Im Mittelalter nahmen die Bauern und Handwerker ausschließlich ihre Werkzeuge als Bewaffnung mit in die Schlacht.
Transport
Wie ich oben schon erwähnte fand ein Transport der Kampfkunst vom Militär in die Reihen der gehobenen Zivilgesellschaft statt, das wurde augenscheinlich gebilligt, denn es diente der Entwicklung der Streitkräfte und vermutlich auch als „Backup‟ damit bestimmtes Wissen nicht, während längerer Friedenszeiten, verloren ging. Die oberschicht einer Gesellschaft war meistens auch die militaristische Führung. Somit ist klar zu erkennen, daß es sich um eine Wechselbeziehung handelte.
Eine weitere Wechselbeziehung hatte ich angerissen: das Fußvolk wurde/wird in Kriegszeiten eingezogen und sammelte im Überlebensfall Erfahrung, welches im rauhen Alltag von Nutzen war, die Militärs lernten neue Waffen kennen, besser gesagt, neue Gebrauchsarten von Werkzeugen die man in die Waffenkunst aufnehmen konnte. Das Fußvolk lernte sich zu organisieren und strategisch vorzugehen.
Man könnte denken, daß eine Wechselbeziehung zwischen Gelehrtenkampfkunst und Bauernkampfkunst (sofern man von Kunst sprechen möchte) ausgeschlossen war. Ich behaupte: weit gefehlt. Die Möglichkeit Angehöriger gehobener Schichten durch alle möglichen Umstände zu verarmen oder die Stellung einzubüßen (durch Ungnade, Machtwechsel o. ä.) war jederzeit gegeben. Dann fand man sich unter den gewöhnlichen Menschen wieder. Was spricht dagegen sein Wissen aus besseren Zeiten an sein neues Unfeld weiterzugeben, vielleicht aus Mitgefühl, vielleicht aus Rachegelüsten, Rebellion o. w. w. w..
Aber war der entgegengesetzte Weg möglich? Ein Transport von bäuerlicher Kampfkunst in intellektuelle Kreise scheint unglaubwürdig. Ich finde aber, daß es nicht abwegig scheint, den Gelehrte sind Sammler. Sie sammeln vor allem Erkenntnisse und Erfahrung. Die Kriegserfahrung eines Bauern hat durchaus Gewicht um eine Kampfkunst zu komplettieren. Mehr noch, der Umgang mit Alltagskonflikten einfacher Leute, die sich gegen Räuber und Diebe, auch Sklavenhändler, wesentlich häufiger zur Wehr setzen mußten, konnte eine Kampfkunst erst recht alltagstauglich machen. In seltenen Fällen konnte vielleicht ein einfacher Mensch, über den Militärdienst und besonderer Fähigkeiten oder Verdienst in einen gehoben Stand aufsteigen.
Fazit
Jede Kampfkunst ist eine Mischung aus drei unterschiedlichen Intentionen. Das Mischungsverhältnis bestimmt die Überlebenschance einer Kampfkunst und die Anwendungsmöglichkeiten. Es macht auch die Wahrscheinlichkeit aus, ob eine Kampfkunst geeignet, wenn man seine eigene gesellschaftliche Herkunft bedenkt. Man kann eine Kampfkunst nur verstehen, wenn man ihr Mischungsverhältnis begreift.


